Genickstarre

Ende des Nomadentums…oder warum ich froh bin, wieder Internet zu haben

November 18, 2007 · 6 Kommentare

Das Internet hat mein Leben verändert. Das von uns allen eigentlich. Denn selbst, die es nicht nutzen, erleiden einen reellen Schaden aus der Tatsache, dass sie es nicht nutzen. Hier möchte ich einen Haken schlagen.

Jaaa, lieber Leser, das mache ich gerne. Ich tue so, als würde ich einen Beitrag in eine bestimmte Richtung lenken. Hier zum Beispiel mögliche Themen: Demographische Überlegungen. Von “Gibt es die neue Web-Unterschicht?”* über “Höhere Jugendsterblichkeitsrate und weitere Überalterung durch Dehydration bei WoW und organisierte Massenselbstmorde” bis zu “Babyboom durch Flirtportale” (toll finde ich ja das Mittlere; die Sache mit der Dehydration wurde schon bei CSI aufgegriffen. Und was bei CSI ist, das ist so. Ist echt ein Problem in…äh…Internetcafés mitten in der Sahara…).
Tjaaa, da habe ich Sie aber ganz schön reingelegt. Nix da.

Aber, wenn Sie sorgfältig gelesen haben (auch die Klammern. Wieder eine Information, die nur der Klammerleser bekommt. Sie sehen schon, das ist wie mit dem Kaiser und den neuen Kleidern…) wird Ihnen vielleicht das Stichwort “Internetcafé” ins Auge gesprungen sein.

Internetcafés. Ich muss sagen, ich liebe sie und ich hasse sie. Jetzt bin ich selber “wieder drin”. Aber letzten Monat war ich auf du und du mit einigen der Betreiber solcher Schuppen, bei denen sich der Dumme immer fragt: “Wie können die sich denn bitte erhalten?” Aber nein, das fragt nur der Dumme. Denn Internet-Cafés zumindest alle, die ich in Darmstadt gesehen habe…

Achtung: abschweifende Geschichte, Uninteressierte ab schwarzem Punkt wieder weiter lesen…

…oops, jetzt könnte mich ein CSI Profi durch seine Datenbank jagen und hätte in zehn Sekunden folgendes Ergebnis: nämlich, dass ich auf Johannisbrotbaumsamen allergisch reagiere und deshalb unmöglich am Tatort gewesen sein könne, weil zur Tatzeit gerade der seltene Korallensittich Paarungszeit hat und, um sein Weibchen zu beeindrucken, diese Früchte in seiner Afterfalte aus Afrika nach Deustchland bringt. Tja, Glück für mich. Pech für den Sittich, der um sein Weibchen zu schützen das “Mordopfer” angeflogen ist und dessen fruchtige Ladung genau in diesem Moment durch Gärgase explodierte.
Das wäre dann der Punkt, an dem eine der blonden Laborschnecken sagen würde: “Look what I found: I checked the blood on the victim and compared it to the suspect’s. No match. Then I found out, there was birdblood all over the face…”
Der sexy Typ mit den Korkenzieherlocken: “Birdblood? Impossible. Or..what if…wait…Grisham!? Isn’t it possible, that her mother has been eating loads of turkey during the pregnancy and so the kid got mixed up? I’ve heard from cases…”

  • Hier gehts weiter zum Thema Internetcafé

Internetcafés in Darmstadt haben eines gemeinsam: Sie sind keine Cafés.
War das nicht mal irgendwie so ein Ideal? Ein Platz an dem die Leute surfen können und trotzdem noch dieser gemütliche Gastronomie-Charakter erhalten bleibt? Ich erinnere mich deutlich an die Szene in “The Beach”, als DiCaprio emails an diese französische Tus.. nee, sagt man ja nicht, Frau schreibt. Das sah irgendwie total stylisch aus. Die ganzen Backpacker und so.
Aber, ich darf nicht von “früher” schreiben, weil es für mich diesbezüglich kein Früher gibt. Ich war in meinem Leben in sehr wenigen Internetcafés und zwei davon waren in Frankreich… Naja, dieser Café-Charakter steckt mal nicht mehr drin, höchstens noch die billigen Dosen im Automaten fest.

Finanzierung, Aufmachung und das Klientel unterscheiden sich jedoch sehr stark.:

Einmal, ich nenne es Bollywood. Der Kenner weiß, was ich meine. Finanziert sich vor allem durch den Verkauf altersschwacher Handys und natürlich diese Telefonkabinen. Nebeneinkünfte: Internet. Zumindest kommt es mir so vor.
Aufmachung erbärmlich. Aber immerhin Flatscreens und USB-Kabel gelegt. Meine Lieblingssprüche: “Jugendlichen unter 18 Jahre dürfen sich kein pornografiche Seiten ansehen” und “Bitte nicht auf dem Tisch essen. Aber Gerät kaputt zB. PC muss zahlen”. Natürlich wird geraucht, wie fast überall. Es gibt aber getrennte Nichtraucherzimmer.
Bestes Erlebnis war wohl, als eine junge Dame gegenüber, intensiven Gebrauch von der Webcam machte. Als sie, sicherlich zum Vergnügen der Person am anderen Ende, ihre Brüste entblößte, rief ihre Freundin durch den Raum: “Waaas?! Du zeigst dem deinen Köapaaa?

Zweites Stammcafé, weil näher und freundlicher:
Selbst, wenn ich den Namen wüsste, ihr kennt es ja eh nicht. Netter Betreiber, dem man am liebsten immer noch zwei Euro drauf geben würde. Haben dort schon USB-Stick und Rucksack vergessen und keines von beiden wurde sofort zum Hehler gebracht… Mit ein bisschen Wind und Kälte muss man rechnen, denn hier wird gerne mal die Tür “nur kurz zum Lüften” geöffnet. Vielleicht, weil es manchmal doch mehr nach pflanzlichem Nebenverdienst riecht, als dem normalen Rauch, der ja auch illegal ist, in Caféeees. Toll der kulturelle Aspekt: Mein Französisch hat sich zwar nicht verbessert, aber hier wird man mit Madame angesprochen und mit Bonne Nuit verabschiedet. Gefällt mir.

Bahnhof: Ein echt schräges Ding. Abgerechnet wird pro Minute.
Da denkt man zuerst: Mhm, macht Sinn, wenn ich nur fünf Minuten…aber es sind dann doch mehr. Wundersam auch, wie sich die scheinbar Erwerb-/Tätigkeits-losen ihr stundenlanges Ausharren vor dem Computer und “auf Anweisungen der Mitspieler per Head-Set warten” eigentlich leisten können.
Toll: das strikte Rauchverbot. Für mich jedenfalls. Bäh! Wer sich mit langhaarigen Metalfreaks und Röhrenbildschirmen anfreunden kann und sowieso mal langhaarige Metalfreaks finanziell bei ihren Träumen unterstützen möchte, der geht dahin und “blecht sich dumm und deppad”, wie der Österreicher sagen würde (”bezahlt unverhältnismäßig viel Geld für schlecht erbrachte Dienstleistungen oder minderwertige Waren”).

Ich war noch in zwei weiteren Räumlichkeiten. Eines ist beim Helia-Kino, das einfach so ganz toll zentral liegt aber ansonsten so ganz doll scheiße ist.
Und das andere ist echt ganz niedlich, denn da kann man auch waschen und bügeln und so weit ich weiß, darf man sich da auch Sachen in der Mikrowelle aufwärmen. Erinnert mich stark an “Millionär”, den Bestseller von Tommy Jaud. Ich denke, da kann man sich tatsächlich büro-ähnlich einrichten.

Dieses, mit negativen Gefühlen verbundene, Ü-Wort kommt vom französischen bureau und heißt eigentlich doch vor allem Schreibtisch. Früher eine Falschverwendeung, bei dem inflationären Gebrauch von Großraumkäfigen derzeit aber ein Volltreffer. Nicht immer passt sich die Sprache dem Leben an, oft passt sich das Leben der Sprache an. Oh, was für ein toller Satz. Jedenfalls: Danke, ihr Franzosenärsche. Das haben wir jetzt davon. Aber immer noch besser, als es käme vom englischen biro. Das stell ich mir mehr als unangenehm vor.

Jetzt ist Schluss mit dem Genuß.

*Unterschicht ist natürlich ein verbotenes Wort. Aber ich bin Blogger, ich darf das. Oder? In Zukunft schreib ich nur noch: Prekariat (”ich wär so gerne Millionär, denn Millionär ist nie prekär…Ich wär so gerne Millionär, das macht was her..”)

Kategorien: gehirnschwund
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