Man kennt es aus Filmen wie „Lost in Translation“ oder (ich will neue Zielgruppen erschließen, heute Typ „Singlefrau Mitte dreißig“) „Die Hochzeit meines besten Freundes“: Karaoke.
Karaoke ist trendy und stylish (ich hab mir die „Deluxe Blog-Wortschatzerweiterung“ geholt, die in der letzten Glamour dabei war…).
Ist es nicht nervenaufreibend, wenn die Roberts mit ihrem hinterlistigen Froschlächeln die süße Diaz mit dem Strahlemund zwingt, ein Lied zu singen, obwohl und weil sie weiß, dass diese klingt wie eine Gabel die man ganz fest über seinen Teller kratzt? Und ist es nicht rührend, dass die Diaz dann wahnsinnig abräumt mit ihrem Gekreische, weil es so schräg ist und der beste Freund der Roberts die Diaz nun sogar noch toller findet?
Ja, das war schön damals, nicht Mädels? Ach nein, man war ja auf der Seite der männerausspannenden, rothaarigen Hexe… Egal, für alle, die jetzt lieber eine geschmacklose Zusammenfassung von Lost in Translation gelesen hätten, Pech gehabt.
Tja, auch ich mag Karaoke, denn es entfesselt den Charakter in dir. Also, meinen nicht, weil ich singe ja nie. Aber ich schau natürlich gern dabei zu, wie andere sich entfesseln lassen.
Karaoke-Vojeurismus nennt sich dass und erfährt zunehmende Beachtung bei Taff-Redakteuren (O-Ton: „Sandra D. aus Mainz wurde vor einem Jahr Opfer eines Karaoke-Spanners. Früher war die attraktive 43-jährige eine begnadete Sängerin. Heute duscht sie nur noch ohne Radio. Zu groß ist die Angst, wieder ausgehorcht zu werden.“).
Was ich dabei so beobachte, lässt mich auf (bisher) vier verschiedene Karaoke-Typen schließen:
1. Der Star:
Jede Woche ist der Tisch an der Bühne vorreserviert. Eine Flasche Evian steht schon da und die Kerzen passen zur Tischdecke („all in wait pliese“, hat sie noch am Telefon der Kellnerin gesagt). Eine Schar ihrer oder seiner Jünger geleitet den Singstar zu seinem Platz und übermittelt seine Songwünsche an den DJ. Natürlich ist diese Setlist bereits seit letztem Mittwoch ausgearbeitet und eingeprobt, denn beim Auftritt muss alles stimmen.
Endlich, der große Augenblick: Der erste Song. Mit einem Siegerlächeln wird die Bühne betreten. Es ist klar, hier kann es nur eine geben. Mit perfekt zuckender Unterlippe und Händen , die eine Stiege nachzuahmen scheinen, bringt man den ersten Destinys Child Hit an den Mann. Die Menge brodelt und der Singstar saugt sich voll mit dem Duft des Erfolges. In diesem Augenblick ist schon fast wieder vergessen, dass man damals vom Bohlen beim ersten Casting rausgeschmissen wurde.
2. Der Verzweifler:
Der Verzweifler ist mit sich und der Welt im reinen. Er möchte das auch bei jeder passenden Gelegenheit zum Ausdruck bringen. Darum hat er kein Problem, sich auf die Bühne zu stellen und mit geschlossenen Augen ein schiefes “ Heal the world“ anzustimmen. Jeder am Ziel vorbeigeschossene Ton und jeder rhythmische Stolperer ist wie ein Dolch, der im Herzen des Karaoke-Spanners umgedreht wird. Jetzt macht das Zuschauen einfach keinen Spaß mehr: Fremdschämen ist angesagt.
3. Der Ironische:
Er wählt prinzipiell Lieder von Britney Spears oder den Backstreet Boys, um sie grundschlecht und mit übertriebener Choreographie als eine neue Kunstform zu präsentieren. Unterhaltsam, verärgert aber Typ 1, der für den gleichen Song bereits sein weißes Dance-Outfit angelegt hat…
4. Die Gruppenkuschler:
Alleine trauen sie sich nicht, deshalb eben zu acht. Sie sind eine Einheit, auch wenn ihre Stimmen das anders sehen. Sie haben Spaß und sind aber doch ein bisschen froh, dass man von den Gruppenkuschlern sowieso keine Glanzleistung erwartet und den Auftritt deshalb für eine Klopause nutzt.
Nun, ich sagte vorher, ich könne bisher erst auf vier Karaoke-Typen schließen. Natürlich gibt es noch andere, wie zum Beispiel den „einsamen Wolf“ oder das „ungleiche Duett“. Diese wurden von mir jedoch noch nicht ausreichend erforscht, da mir dieser dämliche Taff-Reporter mit dem Mikro ins Auge gestochen hat.
So bleibt mir nur zu sagen: Spannt oder werdet gespannt. Aber auf jeden Fall: Karaoke!






2 Antworten bis hierher ↓
Kersten // November 25, 2007 um 3:32
Wo genau saß denn der Star mit Tischdecke? Oder bist Du für Deine Feldforschung jeden Abend in einer anderen Karaokebar?
genickstarre // November 25, 2007 um 3:37
Ach, ein bisschen künstlerische Freiheit musst du mir schon lassen…