„Poster hier nur fünf Euro! Letzte Poster, nur fünf Euro hier! Statt acht nur noch fünf Euro! Poster hier nur fünf Euro! Letzte Poster hier nur fünf Euro!…“, tönt es über den Platz vor der Frankfurter Festhalle.
Ein bulliger Glatzkopf stopft mit geübter Hand die Fünf-Euro Scheine in sein beiges Eastpack-Bauchtäschchen. Direkt vor der Halle steht er, über den Arm einen großen Stapel billiger Schwarzweißposter.
Über mangelnde Kundschaft kann er sich nicht beklagen, die Massen strömen in gleichmäßigen Wellen aus der Halle und immer wieder bleiben ein paar an ihm hängen, drücken ihm ihr Geld in die Hand, nehmen ihr Poster und lassen sich wieder von der Menge treiben.
Erst ein paar Meter weiter werden sie feststellen, dass es hinten, bei den ebenfalls brüllenden Kollegen des Glatzkopfs auch noch schönere Poster gegeben hätte – um den gleichen Preis.
Doch es ist egal, denn sie sind glücklich. Über ihre biergeblähten Bäuche spannen sich T-Shirts, auf denen Männer in Badeanzügen zu sehen sind. Vorzugsweise in einem Meer aus züngelnden Flammen.
Doch auch einer, der ein bisschen mehr auf angemessene Kleidung zu achten scheint, prangt auf den Brustkörben der gesättigten Menge: Ein Mann im bodenlangen, schwarzen Mantel, mit einem großen schwarzen Hut, der ihm tief ins Gesicht gezogen ist. Da kann es sich nur um einen handeln: Den Undertaker.

Ja, Sie werden es vielleicht erraten haben. Gestern wurde ich Zeuge der Nachbeben eines Wrestling-Events. Eigentlich hatten wir ja keine Lust mehr, kurz vor elf extra nach Frankfurt zu fahren, um dort Freunde abzuholen, die tatsächlich Teil dieser aufgekratzten, von den Szenen der Gewalt geil gemachten, Menschenmasse sein sollten. Wir fanden sie nicht gleich, was bei tausenden verrückten Wrestling-Fans kein Wunder ist, und so hatte ich Gelegenheit genug, meine Schreibblockade zu überwinden.
Wissen Sie, ich würde gerne eines sagen: „Wrestling, das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Das schauen sich die Leute an, egal ob reich oder arm. Das findet der Anwalt genauso gut wie der Metzger.“ Aber es stimmt nicht.
So, alle die nach dieser Ansage glauben, eine mitleidheuchelnde Mileustudie präsentiert zu bekommen, um sich wieder einmal an ihrem perfekten Mittelstand-Vorortleben aufgeilen zu können: hier endet für Sie der Artikel. Glauben Sie doch, was Sie wollen.
Ja, tatsächlich sind es wohl kaum Universitätsprofessoren und Hirnchirurgen, die da überteuerte Poster kaufen. Nein, schon eher ist es ein 16-jähriger mit flaumigen Bart und Military-Daunenjacke, der mit seinen Freunden vor dem Glatzkopf stehen bleibt. Zu ihm gesellt sich eine Frau, die sich nach drei Stunden Entzug die eine Zigarette mit der vorigen anzündet. Dann kommt ein alter Man mit Schnauzer und roter, großporiger Knollnase und kauft ein Poster, obwohl er murrt „Fünf Euro für einen Fetzen Papier, die spinnen ja.“
Ein anderer in durchgesessenen Jeans trägt ein Baby am Arm. Ob es auch Zeuge der Kämpfe im Ring wurde, will ich bezweifeln. Wahrscheinlich wartet sein Vater nur auf die blonde Frau im Minirock, die sich auf hohen Absätzen mit ihren wankenden, ebenfalls blondierten, Freundinnen einen Weg durch die Menge bahnt.
Nicht alle bleiben stehen. Eine gut siebzigjährige Frau im wallenden Blümchenrock, über dem sie einen Undertaker-Kapuzenpulli trägt, kämpft sich mit ernster Miene und dem Einsatz ihrer ganzen Körperfülle durch den Wald aus Posterkäufern.
Alle Generationen sind hier vertreten, doch eine fällt besonders auf: Es sind die Kinder, die aufgeregt vor den Füßen ihrer Eltern her tanzen, den goldenen Siegesgürtel aus Plastik über die Schultern und in der Hoffnung, gleich ein Poster zu bekommen.
Es muss eine aufregende Nacht für sie sein. Aufbleiben bis elf, vorher einen Schluck von Papas ekeligem Bier gemacht, wie es nur echte Männer dürfen. Wie die Mischung aus professioneller Gewalt und Daily Soap nun eigentlich an diesem Abend ausgegangen ist, das kümmert sie nicht. Sie wollen ein Poster vom Undertaker, wollen an der Hand von Mama und Papa damit zum Parkplatz gehen.
Wrestling ist eine schöne Sache, es bringt die Menschen zusammen. Diese Kämpfe sind ein Spektakel für die gesamte Familie. Großväter tragen ihre Enkel auf den Schultern, turtelnde Paare kommen Arm in Arm aus der Halle. Freunde stehen im Kreis und rufen dem Glatzkompf immer wieder lachend „Poster hier nur 3 Euro! Nur drei Euro hier die Poster!“, dazwischen.

Ich sehe kein Problem, wenn sich Männer in Badeanzügen zur Show gegenseitig Stühle über den Schädel ziehen. Sie sollten es öfter tun. Denn, Wrestling macht offensichtlich nicht automatisch aggressiv, ich zumindest kann nichts derartiges erkennen. Ich wette, bei jedem Ärztekongress geht es am Buffet härter zu.

„Poster hier nur fünf Euro! Letzte Poster hier nur fünf Euro! Wer hat Geld für mich?! Habt ihr Kleingeld für mich, Leute?! Hallo! Poster hier nur fünf Euro! Statt acht nur noch fünf Euro!“