Wir haben es hinter uns. Der Jahreswechsel ist vollzogen, wir sind gerutscht. Eine andere Tradition der Weihnachtsferien möchte ich auch nicht missen: Schlechte Feiertags-Filme schauen.
Tendenziell Produktionen, bei denen sich ein ausgebrannter Drehbuchautor nach einer durchgekoksten Nacht sagt: „Hey, wie wär’s mit einem neuen Highschool-Film?“ oder “ Mal wieder was mit einem Baseball spielenden Müllmann zu drehen, das hätte schon was!“. Dann macht er sich auf, seinen ebenfalls verkoksten Produzenten-Kollegen von seinem garantiert noch nie dagewesenen Plot zu überzeugen.
Die Story:
Ein abgehalfterter, alleinstehender Eishockey-Trainer (gerne aber auch Basketball, Baseball oder Football) wird zu einem hoffnungslosen, wahlweise afro- oder lateinamerikanischen Nachwuchsteam einer öffentlichen Highschool berufen. Anfangs sagt er noch bei der Besprechung mit dem Direktor, der früher mit ihm aufs College gegangen ist: „Bill, du weißt, was 85 passiert ist. Ich habe geschworen, dass ich nie wieder ein Team trainieren werde. Ich bin fertig mit Eishockey.“ Aber Bill sagt nur: „Was damals passiert ist, war nicht deine Schuld. Lass es hinter dir. Eishockey ist dein Leben, du willst doch nicht ewig Traktoren-Mechaniker bleiben. Komm schon, du hast es immer noch drauf!“
Schließlich sagt Joe, der Trainer, zu. Die Kids, natürlich aus ärmlichen Verhältnissen, aber wahre Talente, hören gerüchteweise, dass der ehemalige Trainer der NY Bulls ihr neuer Trainer werden soll und geraten in helle Aufregung.
Nur einer bleibt misstrauisch, denn er ist zu oft enttäuscht worden: Jason. Der Mannschaftskapitän ist ein hübscher, aber schwer gestörter Junge, der seine Eltern bei einem Autounfall verloren hat und nun bei seinem immer noch sehr rüstigen und mit weisen Sprüchen ausgestatteten Großvater lebt.
„Da kommt die erste Krise“, wird der Drehbuchautor bei einer Line zu seinem Produzenten-Kollegen sagen, der früher Pornos mit texanischen Hausfrauen gedreht hat. Natürlich stiftet der aufmüpfige Jason das restliche Team an, gegen den neuen Trainer zu rebellieren. Joe, der Trainer, muss ihnen erst beweisen, dass sie ihm vertrauen können. Doch er weiß nicht wie. Weil mit Kindern konnte er noch nie so recht.
Um einen klaren Kopf zu bekommen fährt er zu seinem Vater auf den heimatlichen Hof und drischt auf den Punchingball im Heustadel ein, während, in Scharz-Weiß oder Sepia, Erinnerungen an seine Kindheit und Sportlerkarriere auftauchen, die immer wieder durch aussagekräftige Zeitungsschlagzeilen untermalt werden.
Endlich erfährt der Zuschauer auch, warum er 85 mit Eishockey aufgehört hat: Damals ließ er seinen besten Spieler, der einen Herzfehler vor ihm verheimlicht hat, das Länderspiel bis zu Ende bringen, obwohl er beobachtet hatte, wie dieser von einem Schwächeanfall in der Umkleide fast zusammenbrach.
Jetzt kommt Joes Vater in den Stadel und zeigt ihm, wie man richig boxt. Er war immmer schon Perfektionist und pushte seinen Sohn, wo er nur konnte. Vermutlich, weil bei einem Unfall, als er ein kleines Mädchen gerettet hatte, seine rechte Kniescheibe zertrümmert wurde und er deshalb nie wieder spielen konnte.
Nach anfänglichen harten Sprüchen seinem Sohn gegenüber, erinnert er diesen an einen kalten Wintertag, an dem er den jungen Joe bis zur absoluten Erschöpfung über den gerforenen See ihres kleinen Ortes gejagt hatte und beide dennoch unendlich glücklich waren. Und das, obwohl doch Joes Mutter erst zwei Monate zuvor an Leukämie gestorben war. Die beiden schwelgen in rührseeligen Erinnerungen und schließlich kommt es sogar zum ersten Mal seit langem zu einer Umarmung.
Seelisch so gestärkt fährt Joe zurück zu seinem Team und erklärt den benachteiligten Talenten, dass er sie nicht aufgeben wird und mit Ihnen für die Landesmeisterschaften bis zum Ende kämpfen wird. Plötzlich interessiert sich auch die blonde Schulpsychologin für den rauen, aber romantischen Eishockey-Trainer und eine zarte Liebesgeschichte entspinnt sich.
Alles läuft gut. Untermalt von einem griffigen Popsong, sieht man die Kids jene lustigen und pädagogisch innovativen Übungen machen, die ihnen ihr neuer Trainer mit einem Dauerlächeln und aufmunterndem Klatschen gibt. Selbst der dicke, tollpatschige Tommy schafft es endlich, die harten Schüsse des aufmüpfigen, einzigen Mädchens im Team, zu halten.
Die Tigers gewinnen die ersten Spiele, man hört den Schiedsrichter pfeifen, die Menge toben und auch Jasons Opa wird immer wieder mal in Großaufnahme gebracht. Natürlich alles in Verbindung mit dem nächsten, mitreißenden Popsong.
Das Team steht kurz vor dem Finalspiel gegen eine private Highschool, die bisher jede Meisterschaft gewonnen hat, weil sie erstens reich, zweitens groß und bullig und drittens natürlich total unfaire Spieler sind. Muss man noch erwähnen, dass der Trainer dieser Mannschaft Joes Erzfeind ist, der nun zusätzlich versucht, ihm seine neue Freundin, die Schulpsychologin, auszuspannen?
Alles steht unter Hochspannung und plötzlich, eine Stunde vor Spielbeginn passiert es: Jasons Großvater hat eine Herzattacke und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Jason fährt mit und sagt Joe unter Tränen, dass er nicht spielen wird, weil sein Großvater im Krankenhaus liegt. Er wolle ihm „Goodbye“ sagen können, falls dieser sterben sollte. Nicht so, wie damals bei seinen Eltern, für deren Tod er sich verantwortlich fühlt, weil sie trotz eisiger Straßen Auto gefahren waren, um ihn vom Eishockey-Training abzuholen.
Währenddessen hat das Spiel schon angefangen und die Gastmannschaft macht Joes Team so richtig fertig. Ohne ihren Kapitän sind die Tigers nichts. Jason kann über die Live-Übertragung auf dem kleinen Krankenhausfernseher alles mitverfolgen und wird immer unruhiger. Da nimmt sein Großvater seine Hand und bittet seinen Enkel, für ihn die Landesmeisterschaften zu gewinnen. Nach einer actiongeladenen Fahrt schafft es Jason schließlich noch rechtzeitig, das Spiel umzudrehen. Punkt um Punkt kommt das Team dem Sieg näher, bis ihn der Kapitän der anderen Mannschaft durch mehrere Body-Checks außer Gefecht setzt. Die letzte Minute ist angebrochen, alle, natürlich auch die blonde Schulpsychologin, zittern für „ihre Tigers“. Der Moment ist gekommen, für den tollpatschigen Tommy, endlich einmal seinem Team etwas zurückzugeben. Er stürzt sich auf den gefürchteten Kapitän der Gegner, damit die selbstbewusste und toughe* Lizzy das entscheidende Tor schießen kann. Alle stürzen von den Tribünen aufs Eis, die Schulpsychologin springt Joe an, der ihr seinen Wohnungsschlüssel gibt und sich endlich fest binden will. Jason wird von einem Talent-Scout angesprochen und der Großvater im Rollstuhl auf Schienen topfit übers Eis geschoben…
„Tata!“ sagt der Drehbuchautor nun und sein Produzenten-Kollege klopft ihm auf die Schulter. „Ja, echt guter Plot. Das machen wir so. Ich frag mal Claudia, ob sie Travolta für die Finanzierung kriegt“
Und ein neuer Feiertagsfilm ist geboren.

Sollte ich irgendwelche Eishockey-technischen Fehler gemacht haben, bitte nicht kleinlich sein. Hier geht es doch nicht um Sport. Hier geht es um Freundschaft, Toleranz, Teamgeist, Vertrauen, Disziplin…
*Darf man englische Wörter eigentlich so unverschämt eindeutschen? Wohl kaum.





