Genickstarre

Beiträge vom Januar 2009

Aus der Textwerkstatt

Januar 24, 2009 · 1 Kommentar

Achtung: Für ein Blog eine viel zu lange Filmkritik, bezogen auf einen längst uninteressaten Film. War ne Textwerkstattaufgabe (die nicht-korrigierte Fassung – authentisch und so). Wiederverwertung ist was Schönes, vor allem, wenn man so seine Hass-Botschaft unter die Leute bringen kann.

Denn er wusste nicht, was er tat

„Die fetten Jahre sind vorbei“ – ein brutal dummer Film über sanfte Revolte

„Das System ist irgendwie gemein und so, vielleicht.“ Ach, hätte der Regisseur Hans Weingartner seine Protagonisten mit einem vergleichbaren Satz schon in der ersten Minute die Essenz des Films verraten lassen! Man hätte sich die restlichen 126 Minuten von „Die fetten Jahre sind vorbei“ getrost sparen können. Doch, statt uns vorzuwarnen, führt der Tiroler Ex-Schilehrer standesgemäß seine Charaktere ein:

Der zwanzigjährige Jan (Daniel Brühl) ist ein zurückgezogener, melancholisch-aggressiver Bastler und wohnt in einer Berliner Gammel-WG mit Peter (Stipe Erceg). Der hat alles: das Aussehen, die Lebensfreude, die hübsche Freundin (Julia Jentsch). Eines haben sie gemeinsam: Den Hass auf „die da oben“, die „Manager“ die „Banker“. Bei nächtlichen Einbrüchen in die schönsten Villen der Berliner Nobelvororte, lenken sie diese Wut in kreative Bahnen. Sie hängen Bilder ab, stapeln Biedermeierstühle, verstecken die Stereoanlage im Kühlschrank – aber sie klauen nichts. Nur eine Botschaft hinterlassen die „Erziehungsberechtigten“: „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“.

Noch kann uns der Film täuschen. Sollen uns diese verlorenen Großstadtkinder wieder sehend machen für die wirklich wichtigen Dinge? Will Weingartner uns einen Weg aus dem Konsumterror zeigen, ist das der deutsche „Fightclub“? Nein, ist es nicht.

Denn jetzt betritt Jule die Bühne – Peters hübsche Freundin. Vom Leben gezeichnet, weil sie ohne TÜV und Haftpflichtversicherung einem „scheiß Manager“ die S-Klassse zerschrottet hat. Um den Schaden abzuzahlen, arbeitet sie von früh bis spät als Kellnerin in einem Nobelrestaurant – ständig umgeben von der mäkelnden, eiskalten Oberschicht. Kein Wunder, dass sie dem „reichen Arschloch“, Justus Hardenberg, das heimzahlen möchte, als sich die Gelegenheit bietet.

Wie praktisch, dass Peter gerade in Barcelona ist, Jan sich sowieso schon vollends in die Freundin seines besten Freundes verknallt hat und sie daher übermütig in die nächtlichen Aktionen der kleinen Stadtguerilla einweiht. Beim Einbruch in die Villa Hardenbergs landen schließlich nicht nur dessen Designersofa, sondern auch die verboten Verliebten im Innenpool. Das Ende vom Lied: Einbrechen und Ficken verträgt sich nicht.

Durch einige blöde Zufälle, muss der Familienvater Hardenberg bei einem zweiten Einbruch überwältigt und der ahnungslose Peter in die vertrackte Lage eingeweiht werden. Mit ihrer Geisel machen sich die drei im blauen VW-Bus auf nach Tirol – zu einer Berghütte inmitten einer idyllischen Almenlandschaft über dem Achensee.

Nun erwartet man die Eskalation: Ein von der Welt enttäuschtes, sexuell aufgeladenes Dreigespann, eine versnobte Geisel als Störfaktor, eine Waffe, die Peter so nebenbei auf den Tisch knallt. Das muss doch explodieren. Doch es passiert…nichts. Und das bis zum Schluss.

Hardenberg entpuppt sich als weichgespülter 68er, der eigentlich gar nicht mehr so recht weiß, wie er zum Spießer mutiert ist und mit seinen Entführern entspannt Marmeladenbrote schmiert. Ein kurzes, verstammeltes Aufbegehren bei einer nächtlichen Klassenkampf-Diskussion am Küchentisch ist alles, was dieser Mann den drei naiven Idioten entgegenzusetzen hat. Das Blitzen in den Augen, ein knappes „Du hast doch keine Ahnung“, während sich der Zuseher angesichts dieser gedehnten, intellektuellen Folter unter Qualen zum Weitersehen zwingt.

Die politischen Plattitüden und Pauschalisierungen, mit denen Weingartner arbeitet, die oberflächliche Ausarbeitung der Charaktere, die fehlende Motivation für ihr Handeln – das macht es den Darstellern schwer, sich zu entwickeln. Sie müssen sich im Film selbst erklären und werden so zu hölzernen Marionetten des Regisseurs.

Dieser Film hätte ein nachdenkliches Gesellschaftsdrama werden und Vorbilder wie „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ wieder aufleben lassen können. Doch Weingärtner bewirft den Zuseher mit Fetzen einer Aussage – wie eine betrogene Ehefrau, die ihrem Ex-Mann die Plattensammlung hinterher schmeißt.

Vielleicht ist das die große Gefahr bei Autorenfilmen: Der Autor muss dem Regisseur nicht verklickern, worum es ihm eigentlich geht – schließlich ist er selbst der Regisseur und meint, er wüsste das schon ganz genau.

Leider verspottet Weingartner die Kunst der bewegten Bilder aber auch mit jedem Schnitt und jeder Einstellung: Die nervige Handkamera, die wohl einen dokumentarischen Eindruck erwecken und irgendwie avantgardistisch sein soll, kann über die filmische Einfallslosigkeit nicht hinwegtäuschen. Im Gegenteil schreit Weingartner uns mit jedem verwackelten Schwenk über das traumhafte Bergpanorama seine Unlust ins Gesicht.

Dass er in dramatischen Momenten die zarten Melodien des toten Jeff Buckley missbraucht, um die emotionale Leere seines Drehbuchs zu füllen – das tut allerdings am meisten weh.

„Die Fetten Jahre…“ ist vorbei? Endlich.

Kategorien: gesehen und gehasst

genickstarre gibt keine ratschläge mehr

Januar 14, 2009 · 2 Kommentare

birdsIch höre auf, bevor es peinlich wird: Nein, natürlich wird dieser Blog keine Ratgeberseite. Und es liegt auch bestimmt nicht daran, dass niemand einen ernst gemeinten Kommentar hinterlassen hat.

Auf die beiden falschen Kommentare vom vorigen Beitrag kann ich nur antworten: Das war eine Falle. Der Zustand des Bereuens ist nämlich etwas sehr sehr Dummes. Eventuell kann man sich schämen für/ärgern über etwas, was man gerade tut oder gerade nicht tut. Aber, dann sollte man auch gleich besser aufhören es zu tun oder damit anfangen. Und wenn man etwas bereut, muss man damit leben – es ist vorbei. Und, wie es die Volkswirte sagen würden: Das sind sunk costs. Man kann es nur besser machen in Zukunft, man kann nicht nur, man muss. Sonst ist man nur ein bemitleidenswertes Würmchen, das sich im Schlamm des Bereuens suhlt.

Wenn ihr jetzt das Gefühl habt, ihr seid im Workshop „L. Ron Hubbard verstehen in zehn einfachen Schritten“ gelandet, wundert euch nicht. Tom und ich sind nämlich gute Freunde. Wenn nur Katie sich nicht immer einmischen würde, dieser Besen mit Handtasche. Wo waren wir?

Ach so, Daniela: Überdenke mal in einem stillen Moment deinen Männergeschmack, damit dir sowas nicht noch mal passiert und sei froh, dass du nur ein paar Jahre, nicht Jahrzehnte, verschwendet hast. Und Flo: Die besten Motive sollte man vielleicht gar nicht fotografieren, aber das ist eine ganz andere Frage, die ich vielleicht, wenn ich mal Lust habe, ein ganz anderes Mal erörtern werde.

Das Foto hat überhaupt nichts mit dem Beitrag zu tun.

Kategorien: gehirnschwund · genickstarres guter rat
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