Genickstarre

mängelexemplar oder „eine depression ist ein fucking event“

April 21, 2009 · Kommentar schreiben

Genau gerade jetzt habe ich den Erstlingsroman von Sarah Kuttner durch.

Mängelexemplar heißt das Ding und hat ein, wie ich finde, gut verkäufliches Cover. Es fällt in eine Kategorie mit Feuchtgebiete, weil sehr schlicht gehalten, mit interessanter (sogar fühlbarer) Schrift und einem irgendwie niedlichen „Mir-geht-es-nicht-gut-ist-aber-alles-nicht-total-depressiv“-Accessoire bestückt: in dem Fall kein Pflästerchen sondern eine kleine Sicherheitsnadel. Die Sicherheitsnadel ist sogar eigentlich etwas übertrieben, weil hier nicht geritzt wird und auch keine Verbände zusammengehalten werden müssen (ach so, aber eine auseinanderfallende Psyche, ahaaaa). Keine Ahnung aber, ob Ritzer sich mit Sicherheitsnadeln ritzen, ich bezweifle es.

Jedenfalls weiß man bei dem Cover schon, was man zu erwarten hat: Eine kleine Idee, umhüllt von popliterarischen Bezügen („Eine Depression ist wie ein Madonna-Konzert“) und so vielen Metaphern, Symbolen und Vergleichen, dass einem beim Lesen ganz schwindelig wird. In dem Fall ist der Witz, dass eine Frau plötzlich Depressionen und Angstzustände bekommt und wie sie damit ein Jahr lang zu kämpfen hat. Am Ende…ach so, das verrät man ja nicht.

Das Gute an diesen schlanken Ideen mit Klimbim drumherum: Die Essenz ist gleich erfasst, das Buch schnell und mit zufriedenstellender Unterhaltung gelesen und von nachhängenden Gedanken kann keine Rede sein. Leicht verdauliche Kost durch und durch. Beispiele dafür sind alle Romane von Tommy Jaud (der es sprachlich besser macht) und Frauenbücher mit Champagnerglas und Stiletto auf dem Cover.

Auch Kuttner macht in dieser Hinsicht alles richtig und ich wette, dass sie den „Vor-dem-Flug-noch-schnell-irgendein-Buch-aussuchen“-Markt rocken wird.

Am meisten schmunzeln musste ich trotz mehrerer bemühter Gags übrigens, als Karo (die depressive Nudel, um die es geht) in ihrer Verzweiflung „doofe Frauenromane“ liest. Kuttner hebt den Zeigefinger und wirft mit Wortsteinen in ihr eigenes kleines Glashäuschen (sorry, die Lektüre ist noch zu frisch). Der Anmach-Text erinnert sprachlich jedenfalls stark an die klassischen „Claudia-Inge-und-Paula-spielen-mit-den-Männern“-Romane:

>>Karo ist klug, kokett, liebenswert und unnahbar und fällt vollkommen unerwartet in einen Abgrund<<

Dennoch bin ich dankbar für diesen Roman, er hat mich literarisch angefixt. Jetzt kommt Stufe zwei, vielleicht eine schöne Familienchronik von Irene Dische? Und dann traue ich mich hoffentlich endlich wieder an Clézio ran und Magris – deren Bücher verstauben seit Wochen, nein Monaten aufgeschlagen im Regal. Ich kann doch nicht durchgehend nur Magazine lesen…

Noch was zum Mängelexemplar: Die Namensgebung für die Charaktere ist eine ganz wichtige Disziplin. Und Karo ist meiner Meinung nach ein verbotener Name für Nicht-Frauenliteratur. Überhaupt sind Spitznamen verpönt. Finde ich. Wenn ich doch schon Ingrid Nolls Cora schrecklich finde, kann „Karo Herrmann“ mich wirklich nur empören.

Aber vielleicht bin ich da ein bisschen empfindlich.

Kategorien: genickstarre vom lesen
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